Montag, 19. Juli 2010, 12:035.700.000 Stunden fantastischer FußballWer sich nicht für Computer besonders interessiert, kennt möglicherweise die Computerzeitschrift c’t nicht. Sie ist so etwas für Computer wie der Spiegel mal für die Politik war. Die c’t hält auf ihre Unabhängigkeit – Produkttests nehmen keine Rücksicht auf Werbekunden, Inhalte keine auf die Leser: Sind ihm die Artikel zu hoch, muss er halt was Anderes lesen. Dieser Leuchtturm des Fachjournalismus hat allerdings auch seine schwachen Seiten, wie die aktuelle Ausgabe zeigt. In der Einleitung zum vierseitigen Report „WM-Streaming“ heißt es: >> Um das Internet-Streaming in einer fußballbegeisterten Nation wie Deutschland zu bewältigen, mussten die Sender gehörigen technischen Aufwand betreiben. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen von sportschau.de geworfen. << Die Autoren schildern in typischer c’t-Fachchinesisch-Manier welche technischen Handstände bei der ARD vollzogen werden mussten, um das Livestreaming im Internet möglich zu machen. Was allerdings völlig fehlt, ist eine kritische Distanz zum Objekt des Berichtes. Man erfreut sich an der technischen Glanzleistung über 180.000 Nutzer via Internet gleichzeitig bedient zu haben, als ob das Problem, Millionen von Zuschauern live an einem Ereignis teilnehmen zu lassen, nicht seit Jahrzehnten auf andere Weise technisch gelöst wäre. Am Schluss heißt es gar: „Die Fans konnten damit mehr als 5 700 000 Stunden fantastischen Fußball genießen.“ Dieses Schwelgen in Superlativen, dass Spielminuten mit Livestreamnutzern multipliziert oder gleich in „Alles super“-Manier fantastischen Fußball für sich reklamiert, ist typisch für Werbung oder aus dem Ruder gelaufene PR. Und tatsächlich: Die Autoren des Artikels sind keine c’t Redakteure, sondern zwei Mitarbeiter des SWR und der Geschäftsführer eines beteiligten Unternehmens, das natürlich im Artikel nicht unerwähnt bleibt, wie einem Textkasten über die Autoren auf der letzten Seite des Artikels zu entnehmen ist. Was als Blick hinter die Kulissen durch die c’t („wir“) angekündigt wurde, war in Wirklichkeit ein Selbstdarstellungstext der Beteiligten. Der verantwortliche Redakteur konnte jedoch darin kein Fehlverhalten sehen. Er könne nicht sehen, was es mit PR zu tun hätte, wenn man eine technische Betrachtung der Infrastruktur schilderte, schrieb er mir. Auf den Vorwurf, den Artikel falsch angekündigt zu haben, ging er gar nicht ein. So bleiben der c’t 5,7 Mio. Stunden fantastischer Fußball und ein Abo weniger. |
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