Igel

Tagesschau kopiert den Spiegel

Robin Meyer-Lucht hat bei CARTA Informationen aus einem Papier des NDR-Rundfunkrates veröffentlicht, wonach tagesschau.de als eigenständiges Multimedia-Angebot befreit von den angeblichen Fesseln des Rundfunkstaatsvertrages im Internet ohne weitere Kontrolle expandieren darf.

Ich schreibe von den "angeblichen Fesseln", weil eigentlich nie die Gefahr bestand, dass Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Sender z.B. von der 7-Tage-Regelung betroffen sein würden. Das stand ziemlich früh im Entwurf des Rundfunkstaatsvertrags drin, wurde nur von den Anstalten geflissentlich ignoriert, um die volle Propaganda-Dröhnung auf das verstörte Fernsehvolk loszulassen.

Die Sendung Panorama hat dabei für ziemliches Aufsehen gesorgt und auch Tagesschau-Chefredaktuer Gniffke schoss in seinem Tagesschau.de-Blog hinterher.

Interessant finde ich die gewählte Lösung von der "eigenständigen Website" tagesschau.de, weil sie eine Kopie der Spiegel-Lösung ist. Spiegel online war und ist eigenständig, bezieht zwar Artikel aus dem gedruckten Heft und profitiert von der Marke Spiegel, macht aber Sachen, die sich das Printprodukt nicht erlauben würde.

Ähnliches lässt sich von tagesschau.de erwarten, die nicht an das gebunden ist, was in den 15 Minuten Sendezeit der Tagesschau geboten wird, weil nicht sendungsbegleitend und eigenständig multimedial.

Diese öffentlich-rechtliche gebührenfinanzierte Konkurrenz zu anderen nachrichten-orientierten Angeboten im Netz soll laut vom NDR-Rundfunkrat bestelltem Gutachten die privaten Anbieter nur knapp 4% ihrer Einnahmen kosten. Diesen Preis zahlt man doch gerne für eine "publizistische Konkurrenz" mit Qualitätsansprüchen, die Meldungen wie "Akademikerinnen in Gefahr - Katze sucht weibliche Intelligenzbestie" (www.tagesschau.de/schlusslicht/schlauekatze100.html) veröffentlicht.

Noch ein Gutes hat die Lösung: Die Zuschauer der Tagesschau werden nicht mehr mit Hinweisen auf tagesschau.de gequält. Da die Website eigenständig ist, losgelöst von den Beschränkungen der Sendungsbegleitung, wäre das ja Werbung. Und die ist nach 20 Uhr angeblich nicht erlaubt. Es kann allerdings sein, dass "soo eigenständig" tagesschau.de wiederum nicht ist und überhaupt für ein Produkt, dass der Allgemeinheit "kostenlos" (ist alles schon bezahlt) zur Verfügung steht, greift der Werbebegriff wahrscheinlich gar nicht. Das wird die Nachrichten-Konkurrenten im Netz sicher trösten.

Nachtrag 13.02.: Bei Horizont.de wird sehr schön die Spirale der Marktgewalt beschrieben, die durch ein unlimitiertes Angebot von tagesschau.de ausgelöst wird. Und beim Focus übt sich die NDR-Rundfunkratsvorsitzende im Zurückrudern. Der Meinungsbildungsprozess wäre noch nicht abgeschlossen und außerdem soll alles nicht so gemeint wie geschrieben sein.


Kommentare
Hmn... Das Ganze ist an sich äußerst interessant. Soweit wie ich mich erinnere hieß es doch eigentlich, die ÖR dürfen eigene Webseiten betreiben, wenn diese programmbezogene Inhalte anbieten. Wenn jetzt die tagesschau.de sowas von eigenständig und unabhängig vom Programminhalt ist, warum dürfen die diese Platform dann überhaupt anbieten?

Damit geben die ÖR direkt zu, sich nicht an ihren eigenen Verträge zu halten und beweisen mal wieder, dass sie sich ihrer eigenen rechtlich interpretierten Realität bewegen. Soviel zur in Frage stehenden "Bestands- und Entwicklungsgarantie". Wenn die ÖR eh alles machen können was sie wollen und sich nicht an vorliegende Gesetze halten wollen, warum bilden die dann nicht gleich einen eigenen Staat und wandern aus?
#1 A_K (Homepage) am 13.02.2010 15:19 (Antwort)

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