Sonntag, 22. August 2010, 09:25Kurze Geschichte des Fernsehens samt eines Beschwörungsgedichts (auch als MP3)Im Jahr 1812 schrieb der Dichter Matthias Claudius über Fernsehzuschauer in einem Brief an seinen fiktiven Vetter Andres: >> Wehe den Menschen, die nach Zerstreuung haschen müssen, um sich einigermaßen aufrecht zu erhalten. Doch wehe siebenmal den Unglücklichen, die Zerstreuung und Geschäftigkeit suchen müssen, um sich selbst aus dem Wege zu gehen! Sie fürchten, allein zu sein; denn in der Einsamkeit und Stille rührt sich der Wurm, der nicht stirbt, wie sich die Tiere des Waldes in der Nacht rühren, und auf Raub ausgehen. << (Matthias Claudius. Sämtliche Werke, Winkler Verlag, München 1984, S.690) Bei einer Befragung von Onlinenutzern im Jahr 2009 gaben 59% an, von den vier Medien TV, Radio, Presse, Internet würde es am ehesten für das Fernsehen zutreffen, dass sie es zur Entspannung nutzten, bei 56% traf es von den vier Medien am ehesten für das Fernsehen zu, dass sie dabei den Alltag vergessen könnten und 52% bevorzugten das Fernsehen vor allen anderen Medien, um dem Alleinsein zu entkommen. (Media-Perspektiven 07/09, S. 338) 1985 veröffentlichte Neil Postman seine Analyse des amerikanischen Fernsehens unter dem Titel Wir amüsieren uns zu Tode: >> Unser Fernsehapparat sichert uns eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert. ... das Fernsehen ist ein Medium, das uns Informationen in einer Form präsentiert, die sie versimpelt, die sie substanzlos und unhistorisch macht und ihres Kontextes beraubt, ein Medium, das die Informationen auf das Format von Unterhaltung zurechtstutzt. << (Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2006, S. 110 und 173) Im ersten Halbjahr 2010 erreichte die tägliche TV-Nutzungszeit in Deutschland mit 244 Minuten einen neuen Rekordwert. Mehr als einen schlaflosen Tag pro Woche verbringt der Durchschnittsdeutsche damit vor der Unterhaltungsmaschine Fernsehen. 25 Jahre nach Postman sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz in einem Interview: >> Das spitzt sich immer mehr zu, weil die Verantwortlichen die Sendeprinzipien des Fernsehens unbarmherzig durchsetzen – auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das bedeutet im Wesentlichen: Alles muss stark emotionalisiert sein, alles muss auf äußerste Simplizitäten plattgeschlagen werden und das ist im Grunde Gift für Kultur .... Fernsehen und Kultur – das verträgt sich einfach nicht. << Im Mai 2010 veröffentlichte Prof. Kirchhof ein Gutachten, in dem er den öfffentlich-rechtlichen Fernsehsendern nicht bescheinigte, dass sie unverzichtbar für die Unterhaltung der Bevölkerung wären, sondern dass der "moderne Mensch" auf sie zur "Teilhabe an der öffentlichen Debatte einer modernen Demokratie" angewiesen wäre. Niemand lachte. Erst als ein Herr Papier im Auftrag eines ARD-Gremiums begutachtete, dass alles außer Papier im Prinzip Rundfunk ist, woraus man schlussfolgern kann, dass alles, was am Bildschirm dargestellt wird, automatisch Fernsehen sein müsste, begannen einige Leute zu verstehen, dass der Kampf um die Rundfunkgebühr ebenfalls zum öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsprogramm gehört. Die Spitzenpolitiker der Länder nahmen die Einladung sich an der Show zu beteiligen dankend an und wollen ab 2013 auch Nichtnutzer des Unterhaltungsmediums Fernsehen zur Kasse bitten. Damit soll das Primat der Unterhaltung für alle zementiert werden, denn – das weiß man aus drittklassigen Mafiafilmen – Zement ist ein hervorragendes Mittel, um Probleme verschwinden zu lassen. Womit ich wieder bei Matthias Claudius wäre. Dieser veröffentlichte 1773 im Wandsbecker Bothen das Gedicht An den Tod, das anscheinend recht wirksam gewesen ist, denn Claudius lebte danach noch mehr als 40 Jahre. Bevor ich also zum Tode durch Amüsieren verurteilt werde, kann man mir diese letzte Bitte, die auf einer leicht modernisierten Fassung des Originals beruht, kaum abschlagen (zum Hören als MP3): Lass mich, Tod, lass mich noch leben! –
Dienstag, 13. Juli 2010, 08:12180.000Das muss man sich mal vorstellen: Bis zu 180.000 Menschen konnten in Deutschland visuell Fußballspiele verfolgen, die in Südafrika stattfanden, ganz privat innerhalb ihrer eigenen vier Wände oder sogar heimlich auf der Arbeit. Keine Abhängigkeit mehr von Radioreportern, die alles mögliche erzählen, nur das Spiel aus den Augen verlieren. Kein Zwang mehr, Spiele mit tausenden anderen im prallen Sonnenschein auf einer weit entfernten Leinwand zu erspähen. Möglich wird dies durch so genannte Livestreams die über ein Internetz gesendet werden. Dass es bei so vielen Zuschauern, die gleichzeitig auf ein Spiel zugreifen wollen, immer wieder zu Verbindungsabbrüchen kommt, ist leider unumgänglich, aber die Technik steckt ja noch in den Kinderschuhen. Bei der nächsten WM werden die Kapazitäten mit Sicherheit wesentlich größer sein. Vielleicht können dann schon über 200.000 Menschen die Spiele live störungsfrei verfolgen. So etwas hätten sich die Menschen des 20. Jahrhunderts sicher kaum träumen lassen. Mittwoch, 3. Februar 2010, 09:32Noch 'n Lesetipp: In 80 Stunden um die Bütt
Ein Artikel bei blogmedien mit dem Titel Ja da geht´s humba, humba, humba, täterä… über die öffentlich-rechtliche Vollverdummung mit Karnevalssendungen. Die ältere Generation scheint's zu mögen, weshalb knapp 80 Stunden der besten Sendezeit für Senioren-Spässken in der ersten Februarhälfte reserviert sind.
Sonntag, 31. Januar 2010, 11:01Lesetipp: Von der Unmöglichkeit des öffentlich-rechtlichen FernsehensIm ef-Magazin gibt's einen Artikel von Ralph Janik Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Staatsfernsehen. Unmöglich und ungerecht, der das Thema unter dem Aspekt von Konsumentenwünschen behandelt und zu dem Schluss kommt, dass öffentlich-rechtliche Anstalten gar kein Programm anbieten dürfen, das streng ihrem Auftrag entspräche, weil sie dann mangels Zuschauern ein arges Legimitationsproblem hätten. Das sie allerdings auch haben, wenn sie nur ein Privatprogramm mit Qualitätssprengsel bieten, wie das die jetzige Tendenz ist. Da sie so oder so ein Legitimationsproblem haben, stellt sich die Frage: Warum müssen sie dann überhaupt sein? Außen vor bleibt bei der Betrachtung der Segen für die Meinungsfreiheit, der von öffentlich-rechtlichen Programmen ausgeht und zur Zeit den Kern ihrer Legitimation darstellt. Dass dieser Legitimations-Kern durch das Internet in Gefahr gerät, haben die Anstalten auch erkannt und versuchen sich daher im Netz unentbehrlich zu machen. Koste es, was es wolle. Nachtrag: Passend dazu der Artikel von Heiko Hilker bei CARTA, der die Legitimationsprobleme im Netz zeigt. Nebenbei erfährt man, dass das VG München wieder ein Urteil gegen die PC-Gebühr gefällt hat. Das wär ein Stand von 4:0 im aktuellen Jahr. Nachtrag zum Nachtrag: Das Münchener Urteil ist doch schon aus dem letzten Jahr. Harald Simon hat dazu ein paar Takte geschrieben. Bleibt also bei 3:0 in diesem Jahr. Dienstag, 12. Januar 2010, 13:16Zu viel Fernsehen gefährdet GebühreneinnahmenWieder einmal haben Wissenschaftler festgestellt, dass der Lebensstil eines Couch Potatoes lebensgefährlich ist. Eine groß angelegte australische Studie zeigt: Wer täglich mehr als vier Stunden vor der Kiste hockt, erhöht sein Risiko an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben im Vergleich zu einem maximal Zweistundengucker um achtzig Prozent. Jede tägliche Fernsehstunde erhöht das Sterblichkeitsrisiko um elf Prozent. Das hat zweierlei Konsequenzen: Erstens müssen ARD und ZDF ihre Anstrengungen erhöhen, Menschen durch schauderliches Programm vom Fernsehen abzuhalten, sonst leiden darunter langfristig die Gebühreneinnahmen; oder man weitet die Gebührenpflicht auch auf Tote aus, weil sie "ohne besonderen zusätzlichen technischen Aufwand" (§1 Abs. 2 RGebStV) wiederauferstehen könnten. Zweitens dürfen TV-Inhalte nicht länger im Internet gezeigt werden, denn Studienleiter David Dunstan weist darauf hin, dass auch das Sitzen vor dem Computer ähnliche Risiken mit sich bringen sollte. Auf jeden Fall können sich alle, die noch so ein lebensgefährliches Gerät haben, auf die heutigen Sondersendungen in den öffentlich-rechtlichen Programmen mit Titeln wie "Die Totmacher" freuen, die sicherlich bereits in Arbeit sind, denn totschweigen werden die Anstalten diese Studie doch ganz bestimmt nicht, oder? Samstag, 2. Januar 2010, 16:23Mehr FernsehenDas Medienmagazin dwdl.de meldet eine Rückkehr der täglichen TV-Sehdauer zur Höchstmarke von 2006. 212 Minuten soll der deutsche Durchschnittsbürger 2009 vor der Kiste gesessen haben. Erledigt hat sich damit die Diskussion, ob Internet das Fernsehen verdrängt. Es tut es das nicht, im Gegenteil. Seit Mitte der neunziger Jahre hat nach der AGF-Statistik die tägliche Sehdauer um eine halbe Stunde zugenommen. Das ist allerdings nicht die einzige schlechte Nachricht für die öffentlich-rechtlichen Anbieter. In der Gruppe der 14-49-Jährigen erreichten ARD und ZDF im Jahr 2009 eine neue Tiefmarke. Zusammen haben sie einen Marktanteil von knapp 13%. So gesehen bekommt die Symbolpolitik der ARD in Sachen mobilem Internet einen weiteren Nachgeschmack. Die ARD möchte fürs Iphone ein App ohne weitere Kosten für die Nutzer zur Verfügung stellen, das die Netznachrichten der Tagesschau bündelt. Wenn man schon auf eigenem Terrain ständig verliert, will man wenigstens dem dusseligen Springer-Verlag zeigen, wo der Hammer hängt. Dieser möchte sich seine Apps, die Bild und Die Welt präsentieren, vom Nutzer bezahlen lassen. Mittwoch, 2. Dezember 2009, 15:41Taschentücher raus!
Wirklich, ohne Taschentuch, in das man hineinheulen kann, hält man die Website tvprogramme.net nicht aus. Aber nicht weil das Programm so schlecht wäre. Nein, hier werden die TV-Programmübersichten der Vergangenheit ab 1952 gezeigt. Bei weitem nicht vollständig, aber was man dort findet, treibt einem die Tränen in die Augen. Vor vielen Jahren brauchte man tatsächlich noch ein Hirn, um fernzusehen.
Montag, 21. September 2009, 18:07Das ExperimentAus einem Tagespiegel-Artikel vom 22.02.2007: >> Der Psychologe und Biologe Aric Sigman hat gerade für das britische Journal „Biologist“ eine heftige Anklage zusammengefasst: Fernsehen, so lautet sein Resümee aus 35 Untersuchungen, führt bei Kindern zu schweren gesundheitlichen und kognitiven Problemen; massives Übergewicht oder Lernschwierigkeiten konstant zu vernachlässigen sei „einer der größten Gesundheitsskandale unserer Zeit“. Dabei geht es Sigman ums große Ganze: „Die meisten Effekte geschehen unabhängig von der Art des Programms, es geht um das Medium Fernsehen, nicht um dessen Botschaft.“ << Der MDR-Rundfunkrat hat heute die netzseitige Unterstützung für das Vorschulkinderprogramm des Kinderkanals freigegeben. Die Ergebnisse dieses Experimentes an lebenden Objekten werden in etwa 15 Jahren bekannt gegeben. Siehe auch: Kinder im Web anfixen ist teurer als erwartet
Montag, 14. September 2009, 16:42"Vorm Einschalten erst abschalten"Ich nehme an, dass hier nicht viele Leser der Zeitung Neues Deutschland vorbeischauen. Ich lese sie auch nicht, bekam aber über den Google-News-Alert-Service einen Hinweis auf einen Artikel dort, weil er das Wort Rundfunkgebühr enthielt. Dieser Artikel von Hans-Dieter Schütt zur gestrigen Werbesendung der großen Koalitition entpuppte sich durch das Aufzeigen von grundsätzlichen Strukturen in Sachen Fernsehen und Politik als der schlauste, der mir heute in der ausgiebigen Presse-Nachbetrachtung dieses "Ereignisses" untergekommen ist. Der Text ist zum Teil etwas hochtrabend, aber wer Sätze schreibt wie "Die Mediengesellschaft hat es geschafft, dass selbst noch Jene, die Zaungäste des sozialen, politischen Lebens wurden, ihr trauriges Schicksal beseelt uminterpretieren zum täglichen Endlosschleifen-Glück, TV-Zuschauer zu sein, also: doch beteiligt zu sein. Beteiligt zu sein an einer Freiheit von Sachverstand, bei der man sich die Unterhaltungssendung »TV-Duell« reinzieht – mit dem Gewinn, dass sie reichlich Material bietet für ziellose Unmutsäußerungen über die Hauptdarsteller, was als politische Meinungsbildung missverstanden werden darf.", der hat einen Igel-Link dicke verdient. Freitag, 14. August 2009, 16:07Wofür Fernsehen gut ist IIIn Teil I haben wir erfahren, dass Fernsehen bestens geeignet ist, Sex mit überbevölkernden Nebenwirkungen zu verhindern. Dieser Teil berichtet von Richard David Prechts These, dass das Fernsehen der Schnuller für die Massen ist. Wörtlich: >> Ein Arbeitsloser ist heute nicht mehr auf der Straße, sondern guckt Fernsehen, zappt sich durchs Programm. Diese elementare Form der Befriedigung, der Müdemachung durch visuelle Reize, durch Kicks und Ähnliches trägt zum Frieden bei. Wenn es keine Unterhaltungselektronik dieser Art gäbe, wäre die Unzufriedenheit unter den Unterprivilegierten, dem Prekariat in unserem Land viel größer. << Dabei hat Precht nach eigenem Bekunden dem Fernsehen seinen Status als Bestsellerautor zu verdanken. Nur von Dankbarkeit keine Spur. Bleibt es mal wieder dem gemeinen Gebührenzahler überlassen, seine Dankbarkeit gegenüber dem TV für die Rettung des inneren Friedens durch freudige Zahlung von regelmäßig steigenden Rundfunkgebühren zu demonstrieren. Wer mag da noch Rundfunkflucht begehen? Montag, 20. Juli 2009, 08:10Wofür Fernsehen gut istEs gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass zu viel Zeit vor der Kiste schlecht für die kindliche Entwicklung ist. Der indische Gesundheits- und Familienminister Ghulam Nabi Azad meint jedoch, dass Fernsehen auch sein Gutes hat. Es verhindert, dass Kinder sich überhaupt erst entwickeln: >> Electricity in our villages can help control population growth. Electricity will lead to television in houses, which will lead to population control. When there is no light, people get engaged in the process of population growth. Don't think that I am saying this in a lighter vein. I am serious. TV will have a great impact. It's a great medium to tackle the problem. When light will reach (villages), 80 percent of population growth can be reduced through TV. << Florian Rötzer von Telepolis sieht im Umkehrschluss eine Lösung für das europäische Überalterungsproblem: Ab 20 Uhr Fernsehprogramm einstellen. Dann funktioniert die Grundversorgung mit Nachwuchs wieder. Weitergeführt in: Wofür Fernsehen gut ist II
Mittwoch, 8. April 2009, 08:17Lesetipp: Der kleine UnterschiedStefan Niggemeier greift in einem FAZ-Fernsehblog-Artikel die Behauptung von ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut auf, dass sich die wenigsten privaten Formate auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen übertragen lassen. Und tatsächlich muss Stefan Niggemeier feststellen, dass sich außer Daily Soaps, Telenovelas und neun anderen Unterhaltungsformaten eigentlich nichts, was Private senden, fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen eignet. Übersehen hat er allerdings, dass selbst wenn sich ausnahmsweise mal was übertragen ließe, dies im Gebühren-TV erstens zur Grundversorgung und zweitens zum Qualitätsjounalismus mutierte. Also schon noch ein kleiner Unterschied. Dienstag, 10. Februar 2009, 12:27Kinder kleben an der KisteDer Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS) hat in seiner KIM-Studie 2008 die anhaltende Beliebheit des Fernsehens bei Kindern zwischen 6 und 13 Jahren nachgewiesen. Der repräsentativen Studie zufolge hocken 73% der Kinder praktisch täglich vor der Kiste und sehen dabei täglich 91 Minuten fern. Damit ist und bleibt das Fernsehen für Kinder Nummer 1 unter den Medien. Tatsächlich verfügen sogar 41% der befragten Kinder über ein eigenes TV-Gerät. Ein gigantisches, unerschlossenes Rundfunkgebührenpotential tut sich da auf. Wäre es im Sinne der Medienerziehung nicht sinnvoll, wenn Kinder bereits früh lernen, dass Fernsehen keine kostenlose Veranstaltung ist? Dann bliebe es auch nicht der GEZ überlassen, junge Erwachsenen per Kinospot aufzuklären. Aber vielleicht handelt der Gesetzgeber bei der Freistellung von Zweitgeräten bei Kindern eher wie der Drogendealer um die Ecke: Der erste Schuss ist umsonst. Siehe auch: Lass die Kleinen in Ruh Donnerstag, 5. Februar 2009, 09:41Schon wieder keine VerdrängungMedia Perspektiven, ein Angebot der ARD, zeigt in einer "Grundlagenstudie", dass die Möglichkeit zum zeitversetzten TV-Konsum z.B. auch übers Internet nicht das klassische Fernsehen verdrängen wird. An der Studie nahmen 50 Personen teil, die als "Heavy User" von zeitversetztem Fernsehen eingestuft wurden. Auch wenn bei jüngeren Nutzern in einigen Programmsparten ein stärkerer Zugriff auf aufgezeichnete Sendungen feststellbar war, bleibt doch die "Entspannungsfunktion" des klassischen Fernsehens eine Komponente, die diesem Medium weiter die Existenz sichert. Die Studie fügt sich damit in die lange Reihe von empirischen Daten ein, die darauf hinweisen, dass der klassische Rundfunk nichts vom Internet zu befürchten hat. Mittwoch, 28. Januar 2009, 08:24Irgend so'n Sender setzt Bundespräsidenten abSie haben es wieder gemacht. Letztes Mal hat irgend so'n Sender den Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels während seiner Rede aus dem Programm gekippt. Dieses Mal wurde der Bundespräsident bei seiner Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus abgesetzt. Die Verantwortlichen scheinen abermals richtig desinteressiert an den Inhalten ihres eigenen Programms gewesen zu sein. Dienstag, 20. Januar 2009, 08:0810 Wege aus der TV-SuchtSchon mal gehört: Linkbaiting? Man wirft einen Köder aus und alle verlinken wie verrückt dahin. Das bringt Besucher. Am besten klappen soll das mit Ratgeberbeiträgen nach dem alten Simon & Garfunkel-Hit „50 ways to leave a lover“. Also eine griffige Zahl von Ratschlägen, die Abhilfe bei einem Problem versprechen. Moderne Varianten wären z.B. „10 Arten, einen PC herunterzufahren, ohne den Aufzug zu benutzen“ oder „12,3 Tipps zur Verwendung von glatten Zahlen bei Überschriften“. Da ich gern ein paar Leser mehr hätte, hab ich mir das Thema TV-Sucht vorgenommen. Die Überlegung ist einfach: Jeder Deutscher soll dreieinhalb Stunden am Tag vor dem Fernseher verbringen, sagen die Empiriker. Da ich nicht fernsehe, muss irgendein Süchtiger 7 Stunden täglich Fernsehen gucken. Um diesem armen Schwein zu helfen, hier meine 10 Wege aus der TV-Sucht: 1 2 3 4 5 6 Hocken Sie danach immer noch vorm Fernseher, können Sie eigentlich nur geschummelt haben. Dann müssen wir wohl auf die brutale Tour umsteigen: 7 8 9 OK, das war’s. Sie sitzen immer noch vor der Kiste? Dann hilft nur noch eins: Sammeln und Basteln. 10 PS: Linken nicht vergessen. Dienstag, 23. Dezember 2008, 09:00Weniger Wirtschaft, mehr FernsehenWährend die Wirtschaftsinstitute eine schrumpfende Wirtschaft voraussagen, ist der Vertriebsvorstand Klaus-Peter Schulz vom Privatsender-Vermarkter SevenOne Media optimistisch. Ablenkung und Information würden in schlechten Zeiten vermehrt nachgefragt, das Fernsehen könne im nächsten Jahr mit Steigerungen der Sehdauer um drei bis vier Prozent rechnen. Gleichzeitig erinnert Schulz an die Schlussfolgerungen aus den aktuellen Werten: >> Die Zahlen des Jahres 2008 zeigen, dass die rasante Zunahme der Internet-Nutzung selbst bei den jungen Zielgruppen nicht zu Lasten des Fernsehens geht. << Bei der Altersgruppe von 14-29 Jahren stieg die TV-Sehdauer im Jahr 2008 um drei Minuten auf 135 Minuten. Aber wahrscheinlich ist das mal wieder typisch für die Oberflächlichkeit des Privatfernsehens. Öffentlich-rechtliche Sender sind mit harten Zahlen nicht zu täuschen, sie wissen ganz einfach, dass Fernsehen gefährlich für die Jugend ist. Nachtrag 9:05 Uhr: Schöner Verschreiber im letzten Satz. Ich meinte natürlich, die Anstalten wissen, dass die Jugend gefährlich fürs Internet ist. Nachtrag 9:12 Uhr: Heute anscheinend nicht mein Tag. Der Nachtrag war natürlich Unsinn. Gemeint war, die Anstalten wissen, dass Jugend-Fernsehen das Internet gefährdet. Nachtrag 9:21 Uhr: Ich geb's auf. Irgendwas ist gefährlich und die Anstalten brauchen deswegen mehr Gebühren. Das kommt immer hin. Samstag, 20. Dezember 2008, 09:4298% - FehlerfortpflanzungIm 98%-Beitrag hab ich gezeigt, wie öffentlich-rechtliche Vertreter eine zu hohe Haushaltsquote bei der TV-Ausstattung produzieren. Nun stellt sich heraus, dass der Statistikansatz der Media-Analyse bei der ARD, der die Angabe "Personen in Haushalten mit ..." statt "Haushalte" verwendet, auch hervorragend geeignet ist, sich als Fehler fortzupflanzen. Im wissenschaftlichen Gutachten(PDF, 3,8 MB) des Hans-Bredow-Instituts zum Medienbericht der Bundesregierung 2008 findet sich ein Auszug der ARD-Tabelle, und was steht drüber? "Ausstattung privater Haushalte mit Medien- und Kommunikationstechnik 1995-2007". Damit sind dann wissenschaftlich beglaubigt, von der Bundesregierung als Information herausgeben, falsche Zahlen im Umlauf. Die Auswirkungen des Unterschieds zwischen "Personen in Haushalten", was die ARD eigentlich verwendet, und "Haushalte", wie sie beim Statistischen Bundesamt verwendet werden, hab ich bereits im 98%-Beitrag erläutert. Weitergeführt in: Bundesregierung beschenkt Gebühren-Igel Nachtrag 23.01.09: Aufgrund meines direkten Hinweises an einen Projektverantwortlichen ist der Fehler vom Hans-Bredow-Institut inzwischen behoben worden. Donnerstag, 18. Dezember 2008, 20:0798%Anfang Dezember veröffentlichte das Statistische Bundesamt Zahlen zur Geräteausstattung in Sachen Unterhaltungselektronik in deutschen Haushalten. Daraus ergab sich, dass 5,7% der Haushalte kein TV-Gerät haben. Die von den öffentlich-rechtlichen Sendern immer wieder (z.B. GEZ-Mann Ohliger oder Werner Reuß vom BR-Alpha-Bildungsfernsehen!) behaupteten 98% der Haushalte mit Fernseher differieren zwar nicht beträchtlich, aber eindeutig. Wie können die öffentlich-rechtlichen Vertreter so standhaft eine falsche Zahl nennen? Die ARD veröffentlicht auf ihrer Website Medienbasisdaten u.a. zur Geräteausstattung mit Unterhaltungselektronik. Dort findet sich eine Zahlenkette bei der Ausstattung mit TV-Geräten vom Jahr 2000 mit 98% bis 2007 mit 97,7%. Aber: Diese Zahlen geben nicht den Anteil der Haushalte mit TV-Geräten an, sondern den Anteil der Personen, die in Haushalten mit TV-Geräten leben. Ein einfaches Zahlenbeispiel soll den Unterschied verdeutlichen. Nehmen wir eine Grundgesamtheit von 4 Haushalten, ein Ein-Personenhaushalten, drei Drei-Personenhaushalte, macht zusammen 10 Personen. Wenn der Ein-Personenhaushalt kein TV-Gerät hat, ist die Ausstattungsquote der Haushalte 75%, aber der Anteil der Personen in Haushalten mit TV-Zugang liegt bei 90%. Da die Durchsetzung eines fernsehfreien Haushalts bei Ein-Personenhaushalten leichter sein dürfte als bei Mehr-Personenhaushalten, ist die ARD-Quote der Personen in Haushalten mit TV-Gerät naturgemäß immer wesentlich höher als die tatsächliche Haushaltsquote. Der Trick oder die Schlamperei besteht nun darin, dass öffentlich-rechtliche Vertreter bei der 98%-Zahl die Feinheit, dass dies nur der Anteil von Personen in Haushalten mit TV-Gerät ist, weglassen und auf einen angeblichen Haushaltsanteil verkürzen. So viel zur Gewissenhaftigkeit der Öffentlich-Rechtlichen beim Umgang mit Fakten. Sie auch: 98% - Fehlerfortpflanzung
Mittwoch, 3. Dezember 2008, 11:165,9% der Haushalte ohne TV-GerätDas statistische Bundesamt hat Zahlen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichpobe (EVS) 2008 veröffentlicht. Demnach sank der Anteil der Haushalte mit TV Gerät auf 94,1%. Bei der letzten EVS 2003 waren es 94,4% und 1998 noch 95,8% (Zahl nicht mehr online). Da die Zahl der Haushalte um knapp 2,4 Millionen in den letzten zehn Jahren gestiegen ist, führt der Trend weg vom TV trotzdem nicht zu weniger Gebührenzahlern. Gleichzeitig stieg sogar der Ausstattungsbestand deutscher Haushalte mit Fernsehgeräten im Jahr 2008 auf 147,4%, 2003 waren es 145,5%, 1998 140%. Damit öffnet sich die Schere weiter zwischen denjenigen, die ganz auf Fernsehen verzichten und denen, die nicht genug davon kriegen können. Die Gebührenbasis in Form von TV-Geräten ist in jedem Fall nicht durch TV via PC bzw. Internet zu erschüttern. Sollten die Anstalten demnächst mal wieder über schwindende Gebühreneinnahmen klagen, wäre ein Blick ins eigene Programm einen Versuch wert. Nicht die konvergierende Technik, sondern eher das enervierende Programm lässt die Gebührenakzeptanz und damit vielleicht auch mal die Anmeldezahlen schwinden. Sie auch: 98% |
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